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Soziale Gerechtigkeit – Sicherheit – Mindestlohn

Darüber braucht man doch im Grunde gar nicht diskutieren: Wer arbeiten geht, der muß so viel verdienen, daß er davon ein anständiges Leben führen kann und sich und ggfs. seine Familie davon ernähren kann. Das klappt dann in unserem Denkmodell mal besser, mal schlechter. Es gab immer schon Berufe, in denen man ganz ordentlich verdient hat und solche, in denen es eine nicht so tolle Bezahlung gab. Und es gab immer schon Familien, da reichte eine Berufstätigkeit nicht aus, um das finanziell Erforderliche zu verdienen und da mußte man dann entweder einen Zweitjob annehmen oder die Ehefrau mußte mitarbeiten.
Und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß es am unteren Ende der Skala auch Tätigkeiten gibt, die so gering entlohnt werden, daß man davon nicht oder nur mit Mühe einen anständigen Lebensstandard erreichen kann. Vorzugsweise waren das Einfachsttätigkeiten, die eher mal zur Überbrückung oder als Zusatztätigkeit gedacht waren.

Es ist absolut unerträglich und systemschädlich, daß heutzutage Millionen Menschen durch das System und die Politik in „Jobs“ getrieben werden, die ihnen unterm Strich nicht genügend Geld zum Leben lassen. Stundenlöhne zwischen 3 und 4 Euro sind definitiv Hungerlöhne. Aber sie werden gezahlt und sie resultieren unter anderem daraus, daß alle alles immer billiger haben wollen. Wenn es irgendwo einen Billigfriseur gibt, der Haarschnitte für 10 Euro anbietet, dann kann man nicht erwarten, daß die junge Türkin, die einem da die Haare schneidet, mehr als 4 Euro in der Stunde verdient.

Die momentan losgetretene Diskussion um Hartz-IV, Mindestlöhne und Geringverdiener darf man doch nicht von dem Ende aufzäumen, daß man sagt, die Hartz-IV-Sätze dürften nicht viel höher sein, sonst würden eventuell noch mehr Faulenzer zu Hause bleiben. Vielmehr sollte man zunächst einmal darüber nachdenken, wie man es zuwege bringt, daß alle Menschen, die in Vollzeit arbeiten gehen, auch genug für diese Arbeit bekommen. Es muß also eindeutig ein Mindestlohn her! Auch wenn Studien sagen, ein Mindestlohn von 7,50 bis 8,50 Euro würde zunächst einmal 1,2 Millionen weitere Erwerbslose mit sich bringen, so besagen andere volkswirtschaftliche Studien ganz klar, daß durch die finanzielle Absicherung der unteren Verdienstklassen ein Kaufkraftschub von 13 Milliarden Euro eintreten wird und das sichert langfristig weitaus mehr Arbeitsplätze und schafft neue.

Ich bin ja kein Freund der Teuro-Diskussion. Dieses teils dümmliche Stammtischgelaber vom Euro, der über Nacht alles doppelt so teuer gemacht haben soll, widert mich an.
Erst gestern saß mir jemand gegenüber, der mir vorrechnete, was zuletzt ein VW-Golf in D-Mark gekostet hat und was heutzutage ein VW-Golf in Euro kostet.
Ich fragte ihn dann, was 1970 ein Auto gekostet hat und wie er die Preissteigerung bis 1980 einschätzt. Da kam er dann das erste Mal argumentativ ins Straucheln, denn auch in diesen 10 Jahren hat es erschreckende Preissteigerungen gegeben. Fragt man die Leute dann noch, was sie vor 10 Jahren verdient haben und was sie heute verdienen, dann sieht man recht schnell, daß die Teuro-Parolen kaum eine handfeste Grundlage haben.
Klar, alles ist teurer geworden, keine Frage, aber das wurde es schon immer. Das Problem ist nur, daß nicht nur am unteren Ende der Lohnskala, nicht genügend Puffer vorhanden ist, um von den verdienten Geldern anständig leben zu können.
Man muß einfach sehen, daß eine Person pro Woche einen Wagen voll ALDI-Ware futtert und verbraucht. Grob gerechnet sind das 60 Euro, einen weiteren Wagen voll Zeug braucht man pro Monat zum Putzen, Waschen und Drumherum. Das sind über den Daumen gepeilt 320 Euro im Monat für die Grundbedürfnisse einer Person. Für eine vernünftige Wohnung müssen heute, je nach Familiengröße, zwischen 350 und 900 Euro aufgebracht werden. Hinzu kommen Strom, Gas, Wasser, Telefon, Versicherungen und Gebühren.
Und nach alledem ist man weder gekleidet, noch hat man Busfahrscheine, Auto, Berufsmaterialien und Kulturelles bezahlt.
Wohlgemerkt, wir reden nicht von einem absoluten Mindestbedarf, sondern von einem minimal anständigen Leben, das einem das Gefühl gibt, daß sich das Arbeiten gelohnt hat.

Wenn man also sagt, daß jemand mindestens 1.400 bis 1.600 Euro verdienen muß, dann liegt man sicherlich nicht falsch.
Mit einem Hungerlohn von 3,50 Euro oder 4,80 Euro, wie er im „Security“-Gewerbe oder im Friseur-Handwerk gerne mal gezahlt wird, kann man aber nicht einmal die magische 1.000 Euro-Grenze erreichen. Darunter beginnt die Armut.
Und wie kann es sein, daß jemand, der den ganzen Tag arbeiten geht, in Armut leben muß?

Siehe oben, das gab es schon immer, aber es traf früher die ganz armen Wichte am Ende der Skala. Die Opas, die auf der Kirmes die Loseimer schütteln, haben immer schon für einen feuchten Händedruck gearbeitet, aber ihre Alternative wäre es gewesen, sonst unter einer Brücke zu pennen.
Heute ist das aber keine dünne Kruste Ungelernter mehr, die von der Hand in den Mund leben, heute kommen Millionen Menschen mit dem was sie verdienen, nicht mehr zurecht.

Gut, man mag anführen, daß vieles davon Jammern auf ganz hohem Niveau ist. Wir alle kennen solche Familien, die das komplette Spektrum an Unterhaltungselektronik vorhalten, jedes Jahr nach Mallorca fliegen und immer zwei Autos leasen können und dennoch jammern und zetern, weil sie nicht „rumkommen“…
Auch kennen wir alle die gängigen Beispiele aus dem Sozialhilfeadel, jene Familien, die schon seit Generationen nicht arbeiten gehen und deren Kinder schon in dem Bewusstsein erzogen werden, daß man vom Staat alles kriegt, weil einem alles zusteht…

Aber man muß auch ganz klar sehen, daß es diese Extreme immer schon gegeben hat. Nur waren es früher eben Extreme und heute beginnt das ganze zu wuchern und weitet sich auf immer größere Bevölkerungsteile aus.
Wenn man mit 160 Stunden Arbeit nicht wenigstens die oben angeführten rund 1.500 Euro verdient, dann lohnt es sich logischerweise immer mehr, sich vielleicht zu überlegen, ob man nicht lieber zu Hause bleibt und mit ein bißchen weniger genauso schlecht über die Runden kommt.

Sozialhilfe muß so knapp sein, daß in der Niedrigkeit der Sozialhilfe an sich schon ein Anreiz enthalten ist, sich doch lieber um irgendeine Arbeit zu bemühen.
Auf der anderen Seite sind die allermeisten Sozialhilfeempfänger völlig unverschuldet in diese Situation geraten und man darf nicht alle pauschal als Faulenzer und Arbeitsverweigerer abstempeln. Zunächst einmal soll nämlich auch die Sozialhilfe ein anständiges und menschenwürdiges Leben ermöglichen und das bitteschön oberhalb der Armutsgrenze!
Ich plädiere also nicht dafür, daß man die Hartz-IV-Regelsätze verringert, sondern ich plädiere dafür, daß die Mindestlohngrenze so gewählt wird, daß jeder der in Vollzeit arbeiten geht, soviel verdient, daß er ordentlich weit von der Armutsgrenze entfernt leben kann.

Dann ist auch für den Faulen wieder der Anreiz gegeben, sich um eine Arbeit zu bemühen und die Spreu wird sich automatisch vom Weizen trennen. Wir werden immer eine Schicht haben, die auch dann noch in der staatlichen Hängematte verharren wird. Aber diese Leute muß sich ein moderner Sozialstaat und Exportweltmeister leisten können.

Es kann doch aber bitteschön nicht wahr sein, daß man am Ende des Arbeitsmonats nicht genügend auf dem Konto hat, um die einfachsten Grundbedürfnisse eines anständigen Lebens befriedigen zu können. Und es kann auch nicht wirklich der Sinn der Sache sein, daß einem die deutsche Rentenversicherung immer wieder Schreiben mit dem aktuellen Stand der zu erwartenden Altersrente ins Haus schickt und frech drunterschreibt, daß der Betrag nicht zum Leben ausreichen wird.
Wer sein ganzes Leben lang arbeiten gegangen ist, der muß sich im Alter auch darauf verlassen können, daß er genug Rente bekommt, um anständig seinen Lebensabend zu verbringen.
Private Vorsorge sollte allein denen vorbehalten sein, die nicht am staatlichen Rentensystem teilnehmen, Freiberuflern, Selbständigen, Künstlern usw.

Der Staat kann doch auf der einen Seite nicht zulassen, daß den Menschen für anständige Arbeit nicht genug bezahlt wird und auf der anderen Seite erwarten, daß die Menschen von Nichts auch noch privat vorsorgen!

Soziale Gerechtigkeit beginnt, meiner Meinung nach, vor allem damit, daß man den Menschen anständiges Geld für ihre Arbeit bezahlt.


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2 Kommentare
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  1. muetze sagt:

    wollte einfach mal anmerken das zumindest hier in Frankreich wo cih derzeit lebe es einen mindestlohn von 8.66 gibt und das System damit anscheinend auch gut funktioniert.

  2. Stefan sagt:

    Toller Artikel. Danke.

    Das Problem verschärft sich noch mit der Anzahl an Kindern, die mit dem Lohn versorgt werden wollen.
    Da haben wir einerseits ein Nachwuchsproblem und andererseits sind Kinder das größte Risiko des sozialen Abstiegs in die Armut.
    Aber das ist ja vielleicht noch ein Extra-Post wert ;-)

    Viele Grüße
    Stefan

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