In naher Zukunft

Von Dreibein Peter am 11.07.2007 in Satire, Nonsense, Spaß | 8 Kommentare



Ehrfurchtsvoll schauen sich Jonas und Ella an. Wie lange hatten sie gespart, um sich diese Reise leisten zu können und nun ist es wahr geworden, sie stehen vor dem Denkmal des großen Vordenkers. „Lass es uns tun!“, sagt Jonas mit gesenkter Stimme und Ella schaut sich in einer Mischung aus gespieltem Entsetzen und freudiger Erwartung um, als sie fragt: „Hier? Jetzt?“
Jonas nickt heftig und zieht Ella ein kleines Stückchen beiseite, damit andere Leute, die auch schon lange in der Warteschlange standen, endlich an das Denkmal vorrücken können. Während Jonas und Ella hinter einer nahegelegenen Plakatsäule verschwinden, küßt eine alte Frau den Sockel des Denkmals und ein älterer Herr schnäuzt verstohlen ein paar Tränen in sein Taschentuch.

„Komm“, sagt Jonas und streckt Ella seine Handfläche hin; Ella folgt ihm und streckt ebenfalls die Handfläche ihrer Rechten aus. So nähern sie sich einander, bis ihre Hände sich berühren. Ein Gefühl der Glückseligkeit durchströmt beide, während die Datenchips in ihren Handflächen kurz aufleuchten. Jonas stöhnt leise auf, als der Datenfluss beginnt und Ella schließt die Augen. Etwa drei Minuten verharren sie so, dann zieht sie ihre Hand weg. Jonas seufzt enttäuscht, doch Ella sagt: „Du weißt, daß wir es nicht viel länger tun können, nicht hier!“

Jonas nickt und macht ein verdrießliches Gesicht. Er weiß, daß der Datenfluss als einzige Form der körperlichen Nähe zwischen verpartnerten Personen unterschiedlichen Geschlechts nur in der eigenen Wohnung oder in separat ausgewiesenen Datenfluss-Zonen in Internetcafés stattfinden darf. Ella hat Recht, mehr als drei Minuten würden die von der Ordnungswacht bemerken, auf ihren Chips aufzeichnen und am Ende des Monats müßte man dann wieder dem Datenwart in der Wohnsiedlung Rede und Antwort stehen müssen.

Olaf, ein Freund von Jonas hatte es erst letzten Monat zum wiederholten Male zu weit getrieben. Der ernsthaften Belehrung durch den Datenwart, nach dem erstem Mal, folgte eine saftige Geldbuße, die mit der Mobilfunkrechnung eingezogen wurde und schon beim zweiten Mal wurde Olafs Wohnung von der Ordnungswacht durchsucht, sein PC beschlagnahmt und das Mobiltelefon eingezogen.

Dabei hatte Olaf noch Glück gehabt, nach 14 Tagen bekam er seine Sachen unter Vorbehalt zurück. Millionen andere Menschen müssen schon seit Jahren ohne Zugang zum Internet und ohne Mobiltelefon auskommen. Sie alle sind beim RGV, dem Register für Gefährder und Verschwörer, gemeldet und beziehen minimale staatliche Unterstützung in Form von Lebensmittelmarken.

Bargeld gibt es schon seit Jahren nicht mehr und Jonas weinte dem auch keine Träne nach. Alles wird heute bargeldlos über den Sensorchip in der Handinnenfläche abgewickelt. Hat man sich erst einmal an die heftigen Stromstöße gewöhnt, die einem zugesetzt werden, will man ohne ausreichendes Guthaben auf diese Weise bezahlen, ist das Handauflegen auf die Kassenterminals eine äußerst praktische Sache.
In Sekundenschnelle werden Informationen über alle eingekauften Waren direkt an den Zentralrechner der Ordnungswacht übermittelt und der Kaufbetrag vom Konto abgebucht. Das geht heute viel schneller als noch vor zwei Jahren. Damals wurde immer noch der Standort mit ausgelesen, was ja seit geraumer Zeit nicht mehr notwendig ist, als in jede Straßenlaterne ein entsprechendes Meldemodul eingebaut wurde.

„Lass uns noch mal rübergehen“, unterbricht Ella Jonas‘ Gedanken und deutet auf das Denkmal drüben auf dem Vorplatz des Berliner Reichtags. Jonas checkt die Lage und sagt: „Da müssten wir uns wieder zwei Stunden in die Schlange stellen.“
„Aber ich will sein Denkmal nochmals anfassen“, quengelt Ella und fügt hinzu: „Dort ist es so friedlich und ordentlich.“

„Naja“, sagt Jonas und deutet hinüber zum Denkmal, wo zwei schwarzuniformierte Ordnungswächter die beiden alten Leute mit Elektroschockern weitertreiben, weil sie zu lange vor dem Denkmal verharrt hatten.

„Und?“, ereifert sich Ella: „Die sind doch selbst Schuld. Auch die müssten wissen, daß man sich unter freiem Himmel nirgendwo länger als drei Minuten ohne Standortwechsel aufhalten darf. Sonst verstößt man gegen das Versammlungsverbot.“

„Dann lass uns weitergehen, sonst sind auch wir dran“, sagt Jonas und zieht Ella am Ärmel ihrer Jacke mit sich. „Wir können ja heute Abend nochmal herkommen, dann ist es vielleicht nicht so voll.“

„Gut“, stimmt ihm Ella zu und schlägt vor: „Wir könnten einen Kaffee trinken gehen.“

Jonas schüttelt den Kopf: „Ich hatte heute schon meinen Kaffee und du weißt, daß sämtliche Drogen verboten sind und wir nur eine einzige Tasse Kaffee konsumieren dürfen..“

„Gut, dann setzen wir uns nur ein bißchen hinein und trinken Wasser.“

Die Idee gefällt Jonas schon besser, außerdem wird es langsam Zeit, daß er seine Mails abruft. Das muss er alle 3 Stunden machen, sonst gibt es einen Ordnungspunkt und bald eine häßliche Mail von der Ordnungswacht. Jeder Bürger ist verpflichtet, alle drei Stunden mit dem Mobiltelefon die Mails abzurufen und umgehend zu beantworten. Gerichtsbeschlüsse werden ja ohne jegliche Verhandlung direkt per Mail zugestellt und da wäre es fatal, wenn man die 30minütige Widerspruchsfrist versäumen würde. Glücklicherweise gibt es kaum noch SPAM. Seit Spammer als Datenterroristen gelten und ohne Vorwarnung von der Ordnungswacht erschossen werden können, hat der Versand von Spam-Mails rapide abgenommen.

Überhaupt ist die neue Ordnung ganz im Sinne von Jonas und Ella. Sie gehören schon zur zweiten Generation, die unter der „Grossen Ordnung“ aufgewachsen ist und die mit dem Sensorchip in der Handfläche geboren wurden. Noch kurz vor ihrer Geburt mussten die Chips mühsam jedem Bürger eingepflanzt werden. Erst gab es Ausweiskarten mit eingebautem Chip, dann Chips in alle möglichen Geräten und der Bekleidung und seit einiger Zeit die aus biosynthetischem Material bestehenden Gen-Chips.
Den alten Menschen hat man die Erinnerungen an Zeiten vor der „Grossen Ordnung“ noch einzeln herausbrennen müssen, Jonas und Ella haben keine solchen Erinnerungen mehr und wollen davon auch nichts wissen.

Jonas ist 18 Jahre alt, Ella ein Jahr jünger. Damit befinden sie sich in ihrer sogenannten produktiven Phase, die mit 15 beginnt und bis zum 85. Lebensjahr dauert. Danach folgt eine fünfjährige Ruhestandsphase, bevor man, wie es heute heisst, sich zu ewigen Ruhe legen darf.

Diese Zeit, bis zu der es noch sehr lang ist, wollen Ella und Jonas mit Musikhören und dem Lesen von E-Books verbringen, was für jüngere Menschen streng verboten ist.
Jonas arbeitet als Blogger. Er schreibt für eine Werbefirma täglich einige Weblogartikel über das Tagesgeschehen. Die Texte entnimmt er, wie viele Tausend andere Blogger auch, von der Seite des GGB, des großen gleichgeschalteten Bloggers, der als großer Vordenker in der Szene gilt.
Ella macht seit letztem Jahr, also 2025, eine Ausbildung zur Bedenkenträgerin, ein sehr moderner und vielversprechender Beruf. An der SPD-nahen „Ja-Aber-Universität“ hat sie den ersten Studiengang belegt, der sie letztlich befähigen wird, die vorgegeben Oppositionsworthülsen zu verarbeiten. Zwar gibt es längst keine SPD mehr, geschweige denn eine wirkliche Opposition, aber man hat festgestellt, daß das Volk zufriedener ist, wenn wenigstens in den Nachrichtensendungen der Eindruck erweckt wird, als gäbe es auch kritische Stimmen.

Inzwischen sind Ella und Jonas am Internetcafé angekommen, bestellen sich ihr Wasser und surfen ein wenig auf einigen der 1.200 frei zugänglichen Seiten, die die Regierung genehmigt hat. Jonas hat einmal Gerüchte gehört, das world-wide-web sei in Wirklichkeit viel größer, aber das ist für ihn ebenso unglaubwürdig wie die Behauptung früher habe niemand einmal monatlich zur Gehirnwäsche gemusst.

jemand klopft von draußen an die Scheibe des Internetcafés. Es ist Franko, einer von Ellas Studienkollegen. Er kommt hinein, was Ella eigentlich gar nicht so recht ist. Frankos Eltern haben ihm diesen unmöglichen Namen gegeben, der wie ein fremdländischer Name klingt. Seit es keine Ausländer mehr im Bereich der „Grossen Ordnung“ gibt, sind auch solche Namen selten geworden. Franko behauptet ja, es gäbe eine große Zone, dicht bevölkert mit Ausländern, draußen vor den Toren der Gemeinschaft, wo das produzierende Gewerbe ist, aber das können Ella und Jonas nicht glauben. Sie halten das für pseudoreligiöses Gerede und lachen über solche Geschichten.

„Und, was macht ihr hier in Berlin?“, erkundigt sich Franko, der hier seine Eltern besucht.

Jonas strahlt: „Wir waren am Schäuble-Denkmal!“

Tags: Satire

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8 Antworten : “In naher Zukunft”

  1. Rolf B. sagt:

    Einfach Spitze! So etwas erwarte ich von einem gestandenen Satiriker. Das ist beste Unterhaltung auf hohem Niveau und einfach nur wunderbar.

    Vielen Dank!

  2. Sabine sagt:

    Bitte fortsetzen!!!!!!

  3. was bist Du gut!!!
    SF vom Feinsten.

    Ich liebe solche Geschichten und hoffe auch auf mehr Lesestoff in dieser Art.

  4. Genial, dies müsste man als Zukunftsdokumentation verfilmen!!!

  5. welch eine Fantasie, beklemmend!

  6. hauseltr sagt:

    Dazu fiel mir mal folgendes ein:

    10.02.2017

    Er legte die Beine auf den Schreibtisch. Bloss gut, dass er vor 10 Jahren den Job bei der „GEsfR“ der „Geheimen Eliminierungsstelle für Rentner“ angenommen hatte. Er kannte alle Tricks. Ihn würde niemand nur mal so kurz über den Haufen fahren oder sonst wie zum vorzeitigen Tode bringen, um die Rente zu sparen, ihn nicht. Es musste nur immer nach einem Unfall aussehen. Naja, bis zur Rente hatte er noch ein Jahr Zeit und dann hiess es alle Sinne wachsam auf seine dann ehemaligen Kollegen richten. Aber wie gesagt, er kannte alle Tricks. Wieviele Rentner hatte er schon auf dem Weg ins Jensseits geholfen? 100? 200? 300? Naja, nach jedem „Unfall“ gab es ja jedesmal eine dicke Prämie und die verhalf ihm schon zu einen guten Lebensstandard. Je jünger der Rentner, um so dicker die Prämie! Eigentlich komisch, das heute noch kein Fax aufgelaufen war, sonst überhäufte man sein Büro geradezu damit. Er öffnete das Fenster, als sein Kollege ins Büro kam. „Na“ fragte er „Erfolg gehabt?“ „Bestens gelaufen, zwei Fälle gelöst und einen Dritten noch in Arbeit!“ „Jaja, das sind so die kleinen Freuden“ antwortete er. „Ach ja“ sagte der Kollege“ der eine Fall war direkt vor der Tür, die sind unten noch im Krankenwagen am Arbeiten.“ „Ach“ sagte er und beugte sich aus dem Fenster, als ihn der Tritt in den Rücken traf. Es gab kein Halten mehr für ihn und er stürzte aus dem sechsten Stock in die Tiefe. „Scheiße“ murmelte sein Kollege „hätte ich ihm das Fax zeigen sollen, dass er mit sofortiger Wirkung frühverrentet wurde? Nee! Wäre doch schade gewesen um die schöne Prämie.“ Aber eins wusste er, ihm würde das nie passieren.

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